Kunstleben Berlin Kolumne von Jana Noritsch. Alle reden davon, viele sind schon dabei. Vielleicht bist du auch schon auf ein Krypto-Festival eingeladen worden oder interessierst dich für NFTs? Wer tummelt sich denn auf den Blockchains? Ähnlich wie The Sandbox*1 letztes Jahr für Schlagzeilen sorgte, als wir dort virtuelles Land im Metaversum kaufen konnten, boomte parallel dazu Decentraland – und innerhalb dieser VR-Welt-App bauten sich Museen, Galerien, NFT-Tempel, Sotheby’s und viele andere virtuelle Dependancen. Wir flanieren heute mal durch Decentraland und schauen, welche NFT-Kunstwerke wir dort finden und wie sie eigentlich funktionieren.
Virtueller Kunstspaziergang
Erreichbar ist Decentraland über Metamask, eine Wallet/Brieftasche, in die ihr zuvor Kryptowährungen wie Ethereum transferiert habt. Ihr könnt aber auch über einen Gastzugang hinein. Wie ihr in meinen Screenshots sehen könnt, werden Viertel und Grundstücke auch hier mit Koordinaten angeben. Die jeweiligen Besitzer der 90.601 Parzellen können ihr Land selbst gestalten: Programme wie virtuelle Märkte, Konferenzen, Auktionen laufen hier ebenso wie Schulen, Museen oder Galerien erbaut werden.
Wir laden uns in die Welt von Decentraland und können Koordinaten eingeben oder uns vom Veranstaltungskalender inspirieren lassen. Wurden wir an den Wunschort ‘gebeamt’, schauen wir uns dort im Viertel um. Im interaktiven Programm treffen wir natürlich Menschen aus der ganzen Welt und können uns mit ihnen unterhalten.

Interaktion gibt es auch beispielsweise durch Herantreten an die Kunstwerke an den Galerie- oder Museumswänden, wo wir Informationen zu den Künstler/innen erhalten.
Finden wir ein Werk, das zum Verkauf steht, können wir uns per Klick zum Marketplace*2 begeben, beispielsweise Opensea, bzw. direkt Gallery.so oder xoasis.io, begeben und das NFT erwerben.
Ah! Was sind eigentlich NFTs?

Unikate, digital geschützte Objekte: NFTs
Allenthalben werden NFT-Projekte in vielen Bereichen ausgebaut, Digitalkunst, Lifestyle, Brands, Gaming, Musik, phygitale Gegenstände oder Dienstleistungen. Non-fungible Token (NFTs) sind Blockchain-Anwendung, die die breite Masse ansprechen, nicht nur finanz- und digitalaffine Menschen. Vielleicht werden unsere Töchter einmal Innenarchitektinnen in Sandbox- oder Decentraland-Immobilien? …
Ganz direkt, peer-to-peer: Die Vision der nächsten Phase des Internets – Web3.0 – sind Räume, in denen Menschen ihr geistiges Eigentum mit Token versehen und es veräußern. Das kann ein Versicherungsvertrag sein, ein Text, ein Kaufvertrag. Tokenisiert werden also Urheber-, Echtheits- oder Besitzerwechsel-Informationen.
NFTs
Ein Beispiel für den Handel mit geistigem Eigentum in digitalen Zeiten sind NFTs. Ein Non-fungible Token (NFT) ist ein einzigartiger, nicht austauschbarer digitaler Vermögenswert. Während du in deinem Alltag vom Wert her einen Hunderteuroschein durch zwei Fünfziger ersetzen kannst, sind NFTs nicht ersetzbar. Werden sie weiterverkauft, wird der Besitzerwechsel an das NFT angekettelt und in die Blockchain eingeschrieben. NFTs sind keine Kryptowährungen, obwohl sie Dateneinheiten sind, die in einem Blockchain*3-Netzwerk gespeichert ist. Sie stellen einen verifizierten und öffentlich einsehbaren Eigentumsnachweis dar, anwendbar auf sowohl physische als auch digitale Elemente wie Musik, Tweets, Kunstwerke und vieles mehr.
Kunstwerke als NFTs
Künstler monetarisieren ihre Werke demnach direkt online ohne Zwischenhändler (wobei die Galerien und Auktionshäuser ja auch bereits präsent sind). Dazu erstellen Künstler digitale Kunstwerke, bspw. eine digitale Collage. Die (wertsteigernden) Ideen sind bislang: Entweder existiert künftig nur der NFT – und das dazugehörige Originalwerk wird vernichtet. Oder die Künstler binden den NFT an das physische Werk: Die Tokenisierung besagt dann, dass bei einem Kauf des digitalen Werkes auch das physische Original (Malerei, Skulptur usw.) dazugehört. Außerdem können Künstler auf den Marketplaces auch Editionen anbieten. (Ich schreibe unten noch zwei Links zur Inspiration.*4)
Die Entwicklung – über die anfänglichen Bildchen und Videos hinaus – ist jedenfalls rasant. Da man sich ja bereits zu Ausstellungseröffnungen, Auktionen, Konferenzen und Partys in „Decentraland“ trifft, sehe ich hier auch Möglichkeiten für Kunstwerke, die nicht gesammelt werden können, wie beispielsweise Performance Art oder Ephemeres, besser zu unterstützen und wertzuschätzen.
Für Kunstschaffende ist ein weiterer Vorteil von NFTs, auch im Sekundärhandel an den Weiterverkäufen ihrer Kunstwerke beteiligt zu sein. Als Schöpfer sind sie dem Token eingeschrieben und das kann auch von späteren Besitzern nie verändert werden. Tokenisiert wird übrigens auch die vom Schöpfer festgelegte Information, wie viele Prozent sie bei Weiterverkauf jeweils erhalten wollen, Punkt. (Das entspricht in etwa §26 UrhG.)

Kunstorte in Decentraland
Dass Schöpfer digitaler Künste in den virtuellen Räumen sehr gut wahrgenommen werden können, haben unmittelbar auch die großen Player gesehen und sind – manchmal auch nur für ein Projekt – eingestiegen: Sotheby’s, König Galerie („The Artist is Online: Digital Paintings and Sculptures in a Virtual World”), Galerie Kamel Mennour (auf SuperRare), der Playboy in Kooperation mit dem Künstler Mike Parisella/Slimesunday usw.

Die New York Times*5 stellt fest, dass die großen Galerien eben nicht als Zwischenhändler ausgeschaltet werden wollen und deshalb unmittelbar in die neuen Technologien investiert haben. So hat sich die König Galerie mit MISA eine eigene Plattform geschaffen. Indem sie mit Verisart zusammenarbeitet, welche Zertifikate über die Bitcoin-Blockchain verifizieren lassen, sollen NFT-Käufe abgesichert werden.
Ihr könnt auch als Künstler selbst auf die Verisart-Plattform*6 gehen und, nachdem ihr eure Identität authentifiziert habt, Echtheitszertifikate, auch für physische Werke, registrieren lassen. Diese könnt ihr ausdrucken und am Originalwerk befestigen.
Auch Sammlungen wie die Gripenberg Art Collection findet ihr im Metaversum. Im letzten Jahr befanden sich im Gebäude der Crypto Valley Art Gallery (s. Abb. oben) noch die Playboy Art Collection und die Miami Beach Collection. Schaut mal dieses Video von Vulture an – das gibt einen tollen Einblick.
Die Räume in den Kryptospaces können also gemietet werden. So ziehen Galerie- oder Künstlerkollektive in verschiedene Locations, die immer wieder neu zu entdecken sind. Es liegt im Auge des Betrachters, was dann an relevanter Kunst zu sehen ist.
Im Museums District von Decentraland ist mir die immersive Arbeit von Luisa Turuani aufgefallen. Turuanis Kunstwerke sind nicht als Objekte zum passiven Betrachten angelegt, sondern vielmehr behandeln sie Themen, die den Betrachter persönlich in Frage stellen. Die lumineszente Form (s. Screenshot) bewegt sich auf und ab, zieht den Besucher an, stößt ihn zurück; sie scheint zerbrechlich, mal bedrohlich, mal gefangen – und weist unsere Aufmerksamkeit auf die natürlichen Themen von Leben und Tod.

In jedem Fall sind die Möglichkeiten und Kunstorte in Decentraland spannend und für jede/n zugänglich. Voraussetzungen sind ein Computer mit besserer Grafikkarte und die Einarbeitung in die dazugehörigen Themen wie Kryptowährung-Kaufen usw. (Es gibt unzählige Bücher und Videokurse, vielleicht ist auf udemy ein guter Einführungskurs dabei?)
Schreibt eure Gedanken oder Fragen gerne in die Kommentare.
Video von der Flaneurin im Kryptospace
Weitere Infos & Hinweise:
*2 Blockchain und Kryptowährungen funktionieren mittels dezentralisierter, sich selbst überprüfender und konsistenter Ökosysteme digitaler Werte. Ich schätze die Blockchain-Technologie schon lange, und auch Überlegungen einiger junger Sammler/innen, inwieweit „jede/r ein Kunstwerk tatsächlich besitzen“ muss oder es sich mit fünf Anderen teilen kann (Smart Contracts zu gemeinsamem Eigentum), sind zeitgemäß. Ich glaube, dass zukünftig irre viel Wertschöpfung vor allem im phygitalen NFT-Bereich realisiert werden wird, also die Verbindung von physischer Arbeit und ihren Transfer über digitale Wertesysteme. Wer mag kann sich bspw. zum Ethereum-Netzwerk mal hier umsehen.
*3 Kritischer Blick auf die Marketplaces: Im Gegensatz zur finanzphilosophischen Sinngebung von Bitcoin und der Zielsetzung der Blockchain-Technologie sind die großen NFT-Marketplaces wie Nifty Gateway und SuperRare jedoch zentralisierte, bewertende, (nach dem bestehenden Erfolg der Künstler) jurierende Player. Davon kann ich weder krypto-philosophisch noch kunstmarkttechnisch begeistert sein. Auch Opensea ist zentralisiert, zumindest in den eigenen Listings werden NFTs juriert. Grundsätzlich bleibt es abzuwarten, inwieweit Künstler/innen und Käufer/innen abwandern zu neuen Plattformen wie OpenDAO oder LooksRare o.a. (Beispiel: Was zentrale Kontrolle durch Opensea aktuell gesteuert hat)
*4 Ein inspirierender Impuls? Wie man NFTs erstellt und hier die Erfahrungen der Künstlerin Antoinette
*5 The New York Times: After Pak and Beeple, What’s Next for NFT Collectors? Art Made With a Paintbrush
*6 Verisart: Your guide to using Verisart
Meine grundlegenden Buchtipps zum Thema Bitcoin als Währung
„Quick Guide Bitcoin. Wie Sie sich auf die finanzielle Transformation vorbereiten“ von Quirin Graf Adelmann v. A. und Derek Sheeler sowie
„Der Bitcoin-Standard“ von Saifedean Ammous.
Beitragsbild: BU: © Kunst von John Hamon Museums District in Decentraland; Gründer des Museums Districts ist der Künstler Holodot (Buenes Aires)
Screenshots/Avatar: Jana Noritsch